Lieber später als nie...
Ich bin unterdessen massiv im Rückstand mit dem Schreiben, und damit keine Lücken entstehen, versuche ich, den gesamten Törn etwas zusammenzufassen. Es wird aber auf jeden Fall viel zu erzählen geben. Wir waren nämlich ganze zwei Monate unterwegs. Ich hoffe, es wird euch nicht zu viel — lehnt euch einfach zurück und reist ein bisschen mit.
Los geht’s.
Wir sind am 2. Mai 2024 in Genua mit der Fähre nach Sardinien gefahren und einen Tag später, bei schönstem Wetter, in Porto Torres angekommen.
Wie immer nach einer längeren Abwesenheit standen zuerst ein paar Unterhaltsarbeiten an. Aber natürlich haben wir die Zeit auch genossen: wunderschöne Spaziergänge, Treffen mit „alten“ Kollegen, die gerade mit den Motorrädern auf Sardinien unterwegs waren, und selbstverständlich feines Essen.
Wir erwarteten ausserdem lieben Besuch aus der Schweiz und haben das Gästezimmer an Bord vorbereitet. Die Vorfreude war gross — unser Enkel und seine Freundin würden knapp zwei Wochen mit uns unterwegs sein. Am 10. Mai haben wir die beiden am Flughafen in Olbia mit dem Auto abgeholt.
Porto Torres -> Olbia
Am 12. Mai hiess es: Leinen los! Unser Törn beginnt. Das Wetter ist für Mitte Mai ganz passabel, und wir entscheiden uns, die erste Nacht gleich an einem der schönsten Orte Sardiniens zu verbringen – La Pelosa. Das Wasser ist hier kristallklar und türkisblau, ein Farbton, der einfach nie langweilig wird. Wir vier haben die Stimmung sehr genossen, und die Mutigsten unter uns sind sogar baden gegangen – trotz recht frischer Wassertemperaturen. Am Abend, bei einem traumhaften Sonnenuntergang, haben wir Fondue gegessen. Ein etwas ungewöhnlicher, aber unvergesslicher Auftakt.
Am nächsten Tag feiert Lia ihren 18. Geburtstag. Während die beiden noch schliefen, haben wir (Ralph und Ana) das Schiff festlich dekoriert und sie am Morgen damit überrascht. Es gab Geschenke, viel Freude und ein gemütliches Frühstück an Bord. Danach haben wir La Pelosa Tschüss gesagt und sind weiter nach Castelsardo gesegelt, um Lias Geburtstag am Abend gebührend zu feiern. Hoch oben in der Altstadt haben wir in einem Restaurant lecker gegessen und den Tag in dieser besonderen Kulisse ausklingen lassen.
Von Castelsardo segeln wir mit viel Wind nach Isola Rossa. Kurz nach 13 Uhr laufen wir ein – und stellen fest, dass keine Marineros mehr vor Ort sind. Vom Hafenbüro bekommen wir zwar den Standort unseres Liegeplatzes, aber schnell wird klar: Dort können wir unmöglich festmachen. Der Platz ist für Cataleya viel zu klein, und bei dem starken Wind wäre ein Anlegemanöver alleine schlicht nicht machbar gewesen.
Also entscheiden wir uns kurzerhand für Plan B: längsseits am Pier anlegen. Das Manöver klappt problemlos, und wir dürfen danach sogar dort bleiben. Manchmal ist Improvisation eben die beste Lösung.
Isola Rossa ist ausserhalb der Saison wirklich sehr verschlafen. Viel unternehmen kann man hier nicht – und trotzdem gefällt es uns. Leider war der Himmel etwas bedeckt, sonst hätten wir wieder einen dieser spektakulären Sonnenuntergänge gesehen, für die der Ort so bekannt ist. Sollte wohl diesmal nicht sein.
Und schon geht es weiter. Heute, am 15. Mai, wollen wir die beiden überraschen und nach Korsika hinübersegeln. Damit haben sie überhaupt nicht gerechnet. Die Überfahrt war allerdings etwas holprig: viel Wind, hohe Wellen – und entsprechend haben Lia und Lian etwas gelitten. Ihnen war übel, und sie konnten die Fahrt leider nicht wirklich geniessen.
Am frühen Nachmittag laufen wir in Bonifacio ein. Die Einfahrt durch den Canyon ist jedes Mal aufs Neue imposant – ein Naturwunder, das einen einfach sprachlos macht.
Heute hat Ralph Geburtstag, und wir möchten den Abend mit einem feinen Essen feiern. Unsere Nichte und ihr Lebenspartner, die gerade hier Ferien machen, werden sich uns anschliessen.
Bonifacio selbst ist ein kleines Juwel: eine pittoreske Altstadt hoch oben auf den Klippen, mit hervorragenden Restaurants, gemütlichen Bars und vielen schönen Geschäften. Ein perfekter Ort, um einen besonderen Tag ausklingen zu lassen.
Nach zwei Tagen in Bonifacio verlassen wir Frankreich wieder und segeln zurück nach Sardinien. Am 17. Mai steuern wir den Hafen von Santa Teresa di Gallura an. Auch hier bleiben wir zwei Tage. Wir laufen hoch in die Stadt, schlendern durch die kleinen Gassen und geniessen die entspannte Atmosphäre. Natürlich besuchen wir auch die wunderschöne Spiaggia di Rena Bianca – ein Strand, der selbst an Tagen mit etwas Wind einfach beeindruckt. Die Lufttemperatur ist mehr als angenehm zum Sonnenbaden. Die Wassertemperatur hingegen ist für mich persönlich noch etwas frisch, aber wie man auf den Bildern sieht, empfinden das nicht alle so. Die beiden haben das kristallklare Wasser in vollen Zügen genossen. Wir die Sonne.
Nun steht am 19. Mai Cannigione auf dem Programm. Die Ortschaft, die im Hochsommer fast überläuft, liegt zu dieser Jahreszeit noch beinahe im Winterschlaf. Die Gassen sind fast leer, die Strände ebenso – aber das ist in der ganzen Costa Smeralda so. Uns stört das überhaupt nicht, im Gegenteil: Wir geniessen diese Ruhe sehr.
In Cannigione haben wir uns vor allem kulinarisch verwöhnen lassen – und sind dabei voll auf unsere Kosten gekommen. Extrem lecker, extrem schön. Manchmal braucht es gar nicht viel mehr.
Ein Tag später geht es weiter nach Olbia – etwas früher als geplant, denn es ist viel Wind angesagt und wir wollen mit unseren Gästen keinesfalls in einen Sturm geraten. In zwei Tagen fliegen sie zurück in die Schweiz, und wir möchten ihnen eine entspannte letzte Etappe ermöglichen.
Das Wetter während der Fahrt war allerdings ziemlich mies. Immer wieder Regen, grauer Himmel, unruhiges Wasser. Wir haben trotzdem noch einen kurzen Abstecher nach Golfo Aranci gemacht, um mit unserem Segelfreund Uli ein Bier zu trinken. Im Nachhinein stellte sich das als Fehler heraus, denn danach gerieten wir im Golf von Olbia tatsächlich in ein Unwetter – starker Regen, schlechte Sicht, viel Wind. Nur dank unserer Bordinstrumente fanden wir den Weg in den Hafen. Das Ganze war besonders heikel, weil es links und rechts viele Felsen und Untiefen gibt und wir die Einfahrt nicht kannten. Es war unser erstes Mal mit dem Schiff in Olbia. Aber: Ende gut, alles gut. Wir sind sicher angekommen, bekamen beim Anlegen Hilfe, und das Wetter beruhigte sich bald wieder.
So konnten wir mit Lia und Lian noch zwei richtig schöne Tage in Olbia verbringen, bevor wir sie am 22. Mai zum Flughafen gebracht haben.
Nachdem Lia und Lian uns verlassen haben und zurück in die Schweiz geflogen sind, bleiben wir noch ein paar Tage in Olbia. Nicht nur, weil Olbia wirklich schön ist (und das ist es!), sondern auch, weil wir bemerkt haben, dass unser Windgeber im Masttop nicht mehr funktioniert. Das musste natürlich angeschaut werden. Schnell stellte sich heraus, dass das Gerät defekt war und ersetzt werden musste – mit einer Lieferzeit von mindestens 14 Tagen. Zwei Wochen in Olbia zu warten war für uns aber keine Option. Also beschlossen wir, erst einmal weiterzufahren und später wieder zurückzukehren, sobald das Ersatzteil eingetroffen ist.
Gedacht – getan.
Olbia -> Cannigione -> Olbia
Am 24. Mai lösen wir in Olbia die Leinen und segeln mit Südwind nach Capo Coda Cavalo. Es sind nur 13 Seemeilen, und nach knapp drei Stunden laufen wir in die Bucht ein. Wir sind sofort überwältigt. Die Kulisse ist traumhaft schön – türkisfarbenes Wasser, geschützte Lage, weite Sicht. Und obwohl ein starker Scirocco bläst, liegt die Bucht absolut ruhig. Ein kleines Paradies. Wir bleiben drei Tage vor Anker und können am Ende nur sagen: Diese Bucht ist der Hammer.
Nach drei Tagen im Paradies segeln wir wieder nach Norden. Für den nächsten Tag ist viel Wind angesagt, und wir sind mit Freunden in Cannigione verabredet – also nichts wie los. Die beiden leben einen grossen Teil des Jahres auf der Insel. Die Fahrt dorthin ist gut, aber unspektakulär: wenig Wind, wenig Segeln, viel Motor.
Die zwei Tage in Cannigione sind dafür umso schöner. Wir lassen uns wieder einmal kulinarisch verwöhnen und fahren mit unseren Freunden mit dem Auto in ein typisch sardisches Restaurant. Ein Abend voller gutem Essen, gutem Wein und guter Gespräche.
Danach geht es zurück nach Olbia, wo wir dann tatsächlich eine ganze Woche auf den neuen Windverklicker warten. Am 6. Juni wird er endlich geliefert und montiert.
Olbia -> Porto Giunco - Villasimius
Mit dem neuen Windgeber konnten wir am 7. Juni Olbia endlich verlassen und lossegeln. Unser Ziel war La Caletta. Zu Beginn hatten wir nur wenig Wind, doch das änderte sich rasch, und wir konnten wunderbar segeln. Nach fünf Stunden liefen wir in den Hafen ein. Die Fahrt entlang der kilometerlangen Sandstrände war ruhig und wunderschön.
La Caletta ist eine kleine, aber sehr gepflegte Ortschaft. Am Steg lernten wir Daniel und seine Crew kennen – er ist ebenfalls Schweizer. Eine spontane, herzliche Begegnung, wie sie auf Reisen oft die schönsten sind.
Wir blieben drei Tage in La Caletta. Wir konnten unsere Wäsche in der Lavanderia waschen lassen und haben es uns ansonsten richtig gut gehen lassen. Ein gemütlicher, entspannter Zwischenstopp, an einem wunderschönen Ort, der uns sehr gefallen hat.
Nach drei Tagen im Hafen von La Caletta wollen wir wieder für uns sein und draussen ankern. Am 10. Juni legen wir ab und segeln eine gute Stunde südwärts, bis wir beim Capo Comino den Anker fallen lassen können. Auch hier erwartet uns eine traumhafte Landschaft. Wir fahren mit dem Beiboot an den Strand und können kaum glauben, wie fein und weiss der Sand ist – noch heller und noch feiner als in La Caletta. Aus der Ferne wirkt er fast wie Schnee. Das Wasser ist glasklar, ein echtes Postkartenmotiv.
Die Nacht hingegen ist etwas unruhig. In der Bucht steht viel Schwell, aber mit Bug- und Heckanker können wir die Bewegung zumindest etwas dämpfen und es erträglicher machen.
In der Hoffnung auf ruhigere Gewässer fahren wir am nächsten Tag weiter. Wir haben guten Wind und können dem Ufer entlang segeln. Die Landschaft ist einfach wow: kilometerlange Strände, dahinter hohe Berge, ein Panorama, das man kaum sattsehen kann.
Nach fünf Stunden erreichen wir Cala Luna. Der Strand ist berühmt für seinen goldenen Sand, die schattigen Höhlen und das türkisfarbene Wasser – und gilt nicht ohne Grund als einer der schönsten Strände des gesamten Mittelmeers. Die Umgebung wirkt wild, ursprünglich und fast wie ein Naturtheater aus Fels, Sand und Meer.
Cala Luna ist nur per Boot oder über Wanderwege erreichbar. Keine Strasse führt direkt dorthin.
Da haben wir wirklich Glück, dass Cataleya uns an diesen magischen Ort bringt. ♥
So wunderschön es in Cala Luna war, entschieden wir uns weiterzuziehen. Unser Tagesziel ist der Hafen von Santa Maria Navarrese. Die Fahrt unter Maschine entlang der Küste ist zwar etwas laut, aber landschaftlich einfach beeindruckend. Die Kombination aus steilen Felswänden, tiefblauem Wasser und endlosen Stränden ist kaum in Worte zu fassen.
Wir fahren an einigen der berühmtesten Hotspots Sardiniens vorbei: Cala Mariolu und Cala Goloritzé. Letztere wurde 2023 von World’s 50 Best Beaches sogar zum schönsten Strand der Welt gekürt. Kein Wunder also, dass es hier permanent überfüllt ist – und das, obwohl keine Strasse direkt dorthin führt. Wir geniessen die Schönheit vom Schiff aus und fahren weiter.
Nach rund vier Stunden erreichen wir Santa Maria Navarrese. Im Hafen fühlen wir uns sofort wohl. Die Anlage ist sehr gepflegt und gut organisiert, die Mitarbeiter wie auch viele der Hafenlieger – auffallend viele Deutsche – sind ausgesprochen freundlich. Auch die Ortschaft selbst ist charmant und bietet einiges. Ein Ort, an dem man sich gerne ein paar Tage aufhält.
Am 15. Juni verlassen wir Santa Maria Navarrese. Wegen der Distanz entscheiden wir uns für einen Zwischenstopp in Porto Corallo. Der Hafen ist eher unspektakulär und bietet kaum etwas – direkt beim Hafen gibt es lediglich ein einziges Restaurant. Wir essen an Bord und legen am nächsten Morgen gleich wieder ab.
Unser Ziel ist Simius, genauer gesagt die grosse Bucht von Porto Giunco, wo wir ankern möchten. Unterwegs verändert sich die Landschaft: nicht mehr so spektakulär wie im Norden, eher ruhig und unscheinbar. Dafür erleben wir einen besonderen Moment – Delfine, die kurz neben uns schwimmen. Ein kurzer, aber wunderschöner Augenblick.
Das Wetter ist leider nicht ideal, etwas grau und wechselhaft. Die Bucht selbst ist jedoch gross und sehr schön. Bis zum Abend sammeln sich einige Schiffe um uns herum. Wir fahren mit den Stand‑ups an den Strand und besuchen die Flamingos in der Laguna. Leider bleiben sie auf Distanz und wollen nicht viel von uns wissen, aber allein ihre Anwesenheit, aber nicht nur, macht den Ort besonders.
Simius -> Carloforte
Wir hätten nicht gedacht, Sardinien im Osten so schnell nach Süden zu passieren. Eigentlich wären wir gerne noch etwas länger in Porto Giunco geblieben, aber als wir am Morgen erwachten, merkten wir sofort, dass der Wind stärker geworden war und gedreht hatte. Die Bucht war nicht mehr sicher. Also entschieden wir uns, weiterzufahren. Nur fünf Seemeilen entfernt fanden wir in der grossen Bucht von Campulongu, direkt vor dem Hafen von Villasimius, guten Schutz. Die Bucht ist weitläufig und bietet vielen Schiffen einen sicheren Platz. Wir blieben drei Tage hier. Das Wetter war zwar heiss aber etwas instabil, die Stimmung eine Mischung aus grau und gelb vom Saharastaub. Die Landschaft mit ihren Stränden, dem klaren Wasser und den schönen Villen ist sehr ansprechend. Mit dem Beiboot fuhren wir in den Hafen und erkundeten die Gegend zu Fuss. Viel bietet der Ort nicht – ein paar Bars, einige Restaurants, ein gepflegter Hafen. Aber wir fühlten uns trotzdem wohl. Manchmal reicht es völlig, wenn ein Ort ruhig, freundlich und unkompliziert ist.
Am 19.6. geht es weiter nach Cagliari, die Hauptstadt Sardiniens. Mit rund 155'000 Einwohnern und einer Fläche von gut 85 km² ist sie die grösste Stadt der Insel – quirlig, lebendig und voller Möglichkeiten. Wir haben schönen Wind und können wunderbar segeln. Seit mehreren Tagen plagt uns allerdings der Saharastaub. Der Himmel ist trüb und gelblich, die Luft heiss und schwül. Eine etwas spezielle Stimmung, die uns bis Cagliari begleitet.
Für die ersten zwei Nächte haben wir einen Liegeplatz in einer kleinen, sehr speziellen Marina gebucht. Alles ist hier alt und nicht wirklich gepflegt – von den Stegen bis zu den Schiffen. Aber die Betreiber sind unglaublich nett, und preislich ist die Marina unschlagbar. Leider haben wir es versäumt, den Aufenthalt zu verlängern, als Mistral angekündigt wurde. Als wir es nachholen wollten, war bereits alles ausgebucht. Zum Glück hat Cagliari mehrere Häfen. Direkt nebenan fanden wir Unterschlupf – diesmal in einer Marina, die das komplette Gegenteil war: modern, gepflegt und… deutlich teurer. Dafür alles sehr angenehm.
Insgesamt bleiben wir fünf Tage in Cagliari und erledigen alles, was wieder einmal ansteht: einkaufen, Wäsche waschen, die Stadt erkunden, uns kulinarisch verwöhnen lassen. Und kulinarisch wurden wir tatsächlich verwöhnt: Im Ristorante Churrascaria Fogo haben wir so gut gegessen wie noch nie auf Sardinien.
Nach fünf Tagen in wunderschönem Cagliari ging es am 24.6. nach Nora. So gut und bequem es im Hafen war, wir wünschten uns nun etwas mehr Natur und Einsamkeit zu geniessen. Da war die Baia di Nora bestens geeignet. Wir wollten eigentlich gar nicht grossartig etwas erleben oder unternehmen. Wir haben die schöne, ruhige Stimmung auf dem Schiff genossen.
Von Nora sind wir zunächst mit wenig Wind losgefahren. Windarm blieb es aber nicht: Er frischte rasch auf fast 30 Knoten auf. Mit gerefften Segeln segelten wir bis in den Golfo di Teulada. Ursprünglich wollten wir dort irgendwo ankern – wir haben es auch versucht –, aber bei so viel Wind und Welle fühlten wir uns nicht ganz wohl. Wir waren uns nicht sicher, ob der Anker sich unter diesen Bedingungen wirklich gut eingegraben hatte und halten würde. Also entschieden wir uns kurzfristig um und fragten im Hafen nebenan, ob wir einlaufen dürften. Wir wurden sehr freundlich empfangen und bekamen einen tollen Platz. Der Hafen selbst bietet zwar praktisch nichts, aber wir waren einfach froh, sicher festmachen zu dürfen und eine ruhige Nacht zu verbringen. Am nächsten Tag, dem 26. Juni, ging es wie so oft am Vormittag mit wenig Wind und kaum Welle los – mit dem Tag davor nicht zu vergleichen. Die Fahrt war zunächst ruhig. Das änderte sich schlagartig, als wir Capo Sperone passierten. Ab dort fuhren wir Richtung Norden, und die Welle war nicht zu unterschätzen. Wind gab es ebenfalls mehr als genug, aber für uns war er unbrauchbar, da er komplett von vorn kam. Wir fuhren zwischen den Inseln Sant’Antioco und San Pietro hindurch und machten nach etwas mehr als fünf Stunden Fahrt in Carloforte, in der Marina Sifredi, fest. Wir freuten uns sehr auf diesen Ort – und wir sollten nicht enttäuscht werden.
In Carloforte blieben wir tatsächlich neun Tage. Wir haben uns hier so wohl gefühlt wie sonst nirgends. Die Marina ist top organisiert und gepflegt, die Hafenmitarbeiter sind einmalig freundlich und kompetent. Die Ortschaft Carloforte auf der Isola San Pietro ist ein echtes Juwel und gehört offiziell zu den „schönsten Dörfern Italiens“: ursprünglich, authentisch, sauber, vielseitig und mit einer hervorragenden Gastronomie, die sich auf Thunfisch spezialisiert hat.
Wir haben hier Freundschaften geschlossen, Feste mitgefeiert und uns rundum wohlgefühlt. Für uns stand fest:
Hier sind wir nicht zum letzten Mal. ♥
Carloforte -> Porto Torres
Time to say goodbye – oder besser gesagt: ci vediamo.
Nach neun Tagen in diesem besonderen Ort haben wir Carloforte verlassen. Der Mistral war draussen noch deutlich zu spüren – kräftiger Gegenwind, der uns gleich nach dem Ablegen daran erinnerte, dass wir wieder unterwegs sind.
Wir wussten noch nicht genau, wo wir für die Nacht Halt machen würden. Die Gegend war uns völlig unbekannt, und die Westküste Sardiniens bietet bei Nord- bis Nordwestwind nur sehr wenige geschützte Plätze. Also liessen wir uns treiben, im wahrsten Sinne des Wortes, und schauten, was der Tag bringen würde.
Wir segelten vorbei an Porto Flavia und dem Pan di Zucchero bei Masua – ein Anblick, den man wirklich einmal aus nächster Nähe gesehen haben muss. Leider war Porto Flavia wegen eines Felsenspringen‑Events mit einem Gerüst etwas verunstaltet, und es herrschte reger Betrieb. Zum Übernachten vor Anker wäre es dort ohnehin ungemütlich gewesen. Also setzten wir nach einer kurzen Pause unseren Kurs weiter nach Norden.
Schliesslich fanden wir Zuflucht in der Bucht von Buggerru, zwischen San Nicolò und Portixeddu. Nach dem wilden Ritt entlang der Westküste war die ruhige, weit geschwungene Bucht eine willkommene Erholung. Endlich durchatmen, endlich wieder sanftes Schaukeln statt ständiges Gegenan. Portixeddu selbst ist ein herziges kleines Örtchen mit einem langen, wunderschönen und fast menschenleeren Strand. Ein Ort, der sofort entschleunigt. Nichts Spektakuläres, nichts Lautes – einfach Natur, Weite und Ruhe.
Und schon geht es wieder los! Wir segeln weiter nordwärts. Die Westküste ist zweifelsohne wunderschön, mit ihren endlosen Stränden, Dünen und dieser wilden, ungezähmten Atmosphäre – aber für uns Segler bleibt sie eine Herausforderung. Die Buchten sind gross und offen, bieten bei Nord- bis Nordwestwind kaum Schutz. Die Landschaft ist hügelig und erstaunlich grün. Nicht umsonst nennt man diese Region Costa Verde. Wir segeln wieder einmal mit viel Wind und sind froh, auf den ersten Blick einen geschützten Ankerplatz beim Capo San Marco gefunden zu haben. Doch kaum liegen wir in der Bucht, frischt der Wind extrem auf. Die Nacht wird alles andere als entspannt. Wir erleben Böen, wie wir sie bisher nicht kannten. Eine Wahl haben wir jedoch nicht: Häfen gibt es hier keine, und auch die umliegenden Buchten bieten keinen besseren Schutz. Umso erleichterter sind wir, als wir am Morgen endlich wieder loskönnen. Von Capo San Marco bis Bosa haben wir dann kaum Wind. Der Hafen von Bosa liegt malerisch und romantisch im Fluss Temo. Wir fahren ein Stück flussaufwärts und finden dort einen Platz am Steg. Der Himmel ist wegen des Sahara-Sands (schon wieder) grau-gelblich, doch die Temperaturen sind extrem hoch – richtig heiss. Als es am Abend etwas kühler wird, fahren wir mit dem Beiboot flussaufwärts nach Bosa, einem bezaubernden Städtchen, das für seine pastellfarbenen Häuser, die Flusspromenade und die historische Burg bekannt ist. Am Ufer des Temo, dem einzigen schiffbaren Fluss Sardiniens, verbindet Bosa auf einzigartige Weise Geschichte, Kultur und mediterranen Charme.
Die Altstadt ist ein Labyrinth aus engen, kopfsteingepflasterten Gassen, gesäumt von bunten Häusern. Fassaden in Rosa, Gelb, Blau und Grün verleihen der Stadt ein fast märchenhaftes Aussehen und machen sie zu einem der meistfotografierten Orte Sardiniens.
Am 9. Juli nehmen wir Kurs auf Alghero. Wir kannten die Stadt bereits von früheren Ausflügen mit dem Auto, doch diesmal mit dem eigenen Schiff einzulaufen, war ein ganz besonderes Gefühl. Alghero zählt zu den quirligsten und spannendsten Städtchen Sardiniens. Die ehemalige katalanische Enklave bezaubert mit ihrer pittoresken Altstadt, einem architektonischen Kultur-Mix und kunstvollem Schmuckhandwerk aus den weltberühmten Korallen. Von der Altstadt auf ihrem Felsvorsprung bis hin zum grossen, traditionsreichen Hafen und dem langen Stadtstrand entfaltet sich eine einzigartige Atmosphäre. Wir erkunden die Umgebung und staunen, wie viel mehr Menschen im Sommer hier unterwegs sind. Die Gassen, die Strände, die Restaurants, die Geschäfte – alles ist voller Leben. Trotzdem sind wir sehr gerne hier. Am Abend geniessen wir unseren Aufenthalt mit einem hervorragenden Nachtessen und lassen uns vom mediterranen Flair treiben.
Ursprünglich wollten wir bis La Pelosa weiterfahren – rund 40 Seemeilen. Doch der Wind zeigte sich, wie so oft, von seiner eigensinnigen Seite: Bis Capo Testa mussten wir gegen ihn ankämpfen. Danach flaute er komplett ab, nur um später mit voller Kraft zurückzukehren – leider wieder mal aus der falschen Richtung, nämlich genau von vorne. Also entschieden wir uns kurzfristig, in der Cala dell’Argentiera den Anker fallen zu lassen und dort zu übernachten. Die Cala dell’Argentiera liegt eindrucksvoll inmitten eines Gebiets sogenannter industrieller Archäologie, geprägt von den alten Bergwerken der Argentiera, in denen über Jahrhunderte Blei, Silber und Zink abgebaut wurden. Das Bergwerk selbst, das 1962 geschlossen wurde, verleiht der Bucht einen ganz besonderen Reiz: Der Sand ist durchsetzt mit Kies und feinem Mineralstaub, der ihm eine ungewöhnliche Farbe verleiht. Das Meer hingegen ist von einer Klarheit und Transparenz, die man kaum beschreiben kann. Sein Glitzern bildet einen faszinierenden Kontrast zu den braunen Felsen, die den Strand zu beiden Seiten einrahmen – ein Farbspiel, das diese Bucht unverwechselbar macht. Ein Ort, der gleichzeitig rau und wunderschön ist.
Die Fahrt von der Cala dell’Argentiera bis nach La Pelosa war ruhig und entspannt. Da kein Wind wehte, fuhren wir unter Motor. Die Landschaft veränderte sich erneut: Mit den tief liegenden, langgezogenen, feinen Wolken, die sich am Morgen über die grünen Hügel legten, hätte man fast meinen können, wir befänden uns in Irland oder Schottland. Unterwegs begleiteten uns Delfine – immer wieder ein faszinierendes Schauspiel ♥.
Als wir schliesslich die Passage zwischen der Isola Piana und Asinara erreichten, waren wir überwältigt vor Glück. Es ist kaum in Worte zu fassen, und wir mussten beide feststellen: „Zuhause“ ist es doch am schönsten.
Die Landschaft wirkt fast surreal – das türkisblau schimmernde, kristallklare Wasser, die besondere Atmosphäre, das Licht. Alles zusammen ergibt ein Bild, das einen tief berührt. Einfach überwältigend.
Am 12. Juli legten wir die letzten Meilen bis nach Porto Torres zurück. Den Tag verbrachten wir noch in La Pelosa und fuhren erst gegen Abend los. Zufällig entdeckte uns ein Bekannter von seinem Boot aus in der Bucht und kam mit dem Beiboot zu uns herüber. Gemeinsam verbrachten wir eine fröhliche, unbeschwerte Zeit an Bord – ein wunderbarer Abschluss dieses besonderen Abschnitts.
Um 19 Uhr beendeten wir in Porto Torres unsere zweimonatige Reise. 62 Tage waren wir unterwegs und haben Sardinien einmal komplett umrundet. Für all das, was wir erleben durften, sind wir zutiefst dankbar: die Schönheit, die Wildnis, die Natur, die Städte und die vielen Begegnungen mit grossartigen Menschen.
Doch am meisten sind wir dankbar, dass wir – und unsere Cataleya – heil und glücklich in Porto Torres angekommen sind.






















































































































































































































































































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